Metastatic Breast Cancer (MBC) in Europe

Dieser Bericht ist Teil unserer Artikelserie zum Thema metastasierter Brustkrebs.

Gastbeitrag von Marc Beishon, übersetzt aus dem Englischen.

Die führenden Experten zum Thema metastasierter Brustkrebs (MBK) trafen sich im November in Lissabon zur Advanced Breast Cancer 4th ESO-ESMO International Consensus Conference, auf der die Charta der ABC Alliance vorgestellt wurde (für die 10 Ziele der Charta: Siehe unten).* Die Charta wurde von einer neuen Organisation, der ABC Global Alliance, erarbeitet. Diese Allianz ist eine Initiative der ESO (European School of Oncology) unter Leitung von Dr. Fatima Cardoso. Die Charta ist der erste detaillierte Missionsplan zur Verbesserung der Pflege der wachsenden Zahl an Frauen und einigen Männern, die an fortgeschrittenem Brustkrebs leiden.

Sie ist das Ergebnis einer Bewegung, die zunächst dafür kämpfte, dass die Bedürfnisse von PatientInnen mit dieser größtenteils unheilbaren Krebsart ernstgenommen werden. Dies geschah nicht nur in Hinblick auf die Gesundheitssysteme – oftmals wurden Ressourcen von PatientInnen, denen ohnehin schlechte Überlebenschancen eingeräumt wurden, wegbewegt – sondern auch auf die großen Burstkrebsorganisationen, die sich hauptsächlich auf ihre „Pinke-Schleife“-Kampagnen und das Frühstadium von Brustkrebs, in dem die Krankheit noch heilbar ist, konzentriert hatten.

Pioniere der Bewegung – wie Musa Mayer, die bereits in den 1990er-Jahren über die nicht erfüllten Bedürfnisse von PatientInnen mit Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium schrieb – kamen in Lissabon zusammen, um zu erfahren, wie weit die Initiativen sowie die Wissenschaft beim Erreichen der Ziele der Charta vorangekommen sind.

Die aktuelle Situation ist dennoch nach wie vor ernüchternd. Die mediane Lebenserwartung von PatientInnen mit fortgeschrittenem Brustkrebs hat sich in den vergangenen 15 Jahren nur wenig verbessert; sie liegt weiterhin bei zwei bis drei Jahren. In vielen Ländern haben Betroffene keinen Zugang zu neuen oder sogar zu etablierten Medikamenten und Behandlungsmethoden wie beispielsweise Bestrahlungen. Das schließt auch einige europäische Staaten, insbesondere in Osteuropa, mit ein.

Auch interdisziplinäre Brustzentren – die optimalen Einrichtungen für die Standardbehandlung von fortgeschrittenem Brustkrebs – sind alles andere als einheitlich organisiert. Außerdem bestehen weiterhin Hindernisse für Betroffene, notwendige Unterstützung zu erhalten – sowohl innerhalb der Kliniken als auch in der Gesellschaft im Allgemeinen, beispielsweise am Arbeitsplatz.

Nun wurden aber einige Grundsteine gelegt, um Politiker und andere Entscheidungsträger im Gesundheitsbereich zu erreichen. Diese Grundsteine werden auch in den 10 Zielen der globalen Charta dargelegt.

Die Bedürfnisse der Brustkrebs-PatientInnen – die in ihrer Zahl weltweit immer mehr werden – sind inzwischen weitgehend erforscht, publiziert und bei Treffen von Aktivisten und Onkologen in der ganzen Welt sowie auch von großen Pharmaunternehmen unterstrichen worden. Brustkrebsorganisationen bieten nun sehr viel mehr Unterstützung für Menschen mit fortgeschrittenem Brustkrebs und in den USA haben sich MBK-Gruppen sowie die MBC alliance gebildet. In Europa hat die paneuropäische Koalition für Brustkrebspatientinnen, Europa Donna, dieses Jahr ihre erste Konferenz zum Thema MBK abgehalten.

Und obwohl der Fortschritt bei neuen Behandlungsmethoden quälend langsam voranging, gab es in den vergangenen Jahren immerhin einen wichtigen Durchbruch: Die Schaffung und Aktualisierung der ABC international consensus Guidelines während der alle zwei Jahre stattfindenden Konferenz in Lissabon. Diese Guidelines der ESO und der ESMO (European Society for Medical Oncology) werden auch von vielen anderen Organisationen (darunter die European Society of Breast Cancer Specialists, die Federacion Latinoamericana de Mastologia und die Senologic International Society) befürwortet. Sie stellen zum erstem Mal Standards für die multidisziplinäre Pflege von Patientinnen mit fortgeschrittenem Brustkrebs auf. Vor gar nicht allzu langer Zeit hatten sogar Brustkrebsspezialisten erklärt, fortgeschrittener Brustkrebs sei in seinen Ausprägungen zu divers, um solche Konsens-Standards aufzustellen. Diese Sicht ist nun allmählich umgekehrt worden und die Guidelines sind nun ein Grundbaustein für die ABC Alliance Global Charta, mit der Politikern internationale Standards für die Pflege vorgeschlagen werden.

Dies ist die Hauptstrategie der ABC Global Alliance: Nationale Initiativen können sehr viel durchschlagender werden, wenn Politiker vor Ort merken, dass andere Länder ihren Brustkrebspatienten bessere Versorgung und Pflege bieten. Mit den 10 Zielen sollen Aktivisten, Onkologen, anderen Gesundheitsexperten sowie der Industrie Richtlinien gegeben werden, aus denen sie die wichtigsten Prioritäten für ihr eigenes Land herausfiltern können – schließlich bestehen auch in dieser Hinsicht deutliche Unterschiede zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern.

Bei einem ersten Treffen in Lissabon gaben die Abgeordneten der ABC Global Alliance bereits einen ersten Einblick in die gemeinsamen Ziele. Ganz oben stand dabei eine Verdopplung der weltweit durchschnittlichen Lebenserwartung von Patienten mit fortgeschrittenem Brustkrebs bis 2025. Das ist wenig überraschend, schließlich sollte eine höhere Lebenserwartung das Grundziel jeder Krebskontroll-Initiative sein (In diesem Zusammenhang ist auch anzumerken, dass die Weltgesundheitsorganisation dieses Jahr das Wort „Kontrolle“ in ihr Krebspräventionsprogramm aufgenommen hat. Man hat scheinbar erkannt, dass das „Kontrollieren“ von Krebs als chronische Krankheit ein wichtiges Politikziel sein muss). Um diese Lebenswartungs-Rate zu erhöhen, müssen die Patienten besseren Zugang zu den neuesten Therapiemethoden erhalten, und weitere neue Methoden müssen entwickelt werden. Dafür ist es absolut unerlässlich, dass interdisziplinäre Brustkrebsforschungszentren etabliert und gefördert werden.

Außerdem sprachen sich die Delegierten für multidisziplinäre Brustkrebszentren aus. Es gehe dabei nicht nur um die Krebsbehandlung an sich, sondern auch um die Bereitstellung palliativer und unterstützender Behandlung sowie psychologischer Hilfe für die PatientInnen, Familien und Pfleger.

Seit den späten 1990er-Jahren werden EU-Poltiker aufgefordert, sicherzustellen, dass alle an Brustkrebs erkrankten Frauen und Männer Zugang zu solchen Brustkrebszentren haben sollten. Das Europäische Parlament hat dafür eine Deadline im Jahr 2016 gesetzt, die allerdings nicht komplett eingehalten wurde. Dennoch hat sich gezeigt, dass Gruppen wie Europa Donna eine extrem wichtige Rolle dabei spielen, dass Brustkrebs-Entscheidungen auf EU-Ebene vorangetrieben werden. Im Jahr 2015 legte das Europaparlament eine schriftliche Entschließung vor, laut der MBK-Patienten Zugang zu spezialisierten Brustkrebszentren erhalten müssen. Derweil wurde außerdem die europäische MBK Policy Roadmap gestartet. Auch die Brustkrebsinitative der Europäischen Kommission macht Fortschritte dabei, hochqualitative Brustkrebs-Dienstleistungen zu garantieren.

Doch auch in der EU, die wohl die führende Weltregion beim Bereitstellen solcher Dienstleistungen ist, gibt es nach wie vor Lücken in der MBK-Gesetzgebung, beispielsweise bei der Epidemiologie der fortgeschrittenen Krankheit (in nahezu keinem Land der Welt ist offiziell bekannt, wie viele Menschen an MBK leiden), bei verifizierten Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensumstände, bei einheitlicher und konsequenter Kommunikations-Schulung für Fachleute und Gesundheitspersonal sowie bei angemessener sozialpolitischer Unterstütztung und beim Arbeitsrechtsschutz.

Die ABC Global Alliance wird mit ihrer Charta weiterhin Argumente, Nachweise und Beispiele vorlegen, um Aktivisten in ihren jeweiligen Ländern dabei zu unterstützen, diese Probleme endlich zu lösen.


Marc Beishon ist Gesundheits-, Wissenschafts- und Technologie-Journalist, der zahlreiche Artikel für das Magazin Cancer World veröffentlicht sowie viele Interviews zu Themen wie Gesetzgebung bei seltenen Krebsarten, Überlebenschancen und gemeinsame Entscheidungsfindung mit führenden Onkologen, anderen Gesundheitsexperten und Patientenvertretern geführt hat. Er kooperiert mit vielen ESO-Projekten, darunter die ABC Global Alliance.


Die ABC Global Alliance der European School of Oncology ist eine Plattform verschiedener Akteure, die sich für Zusammenarbeit und gemeinsame Projekte mit Bezug auf fortgeschrittene Brustkrebserkrankungen auf der ganzen Welt einsetzen. Die Allianz besteht aus Menschen und Organisationen, die Verbesserungen entwickeln, vorantreiben und unterstützen, mit denen schlussendlich das Bewusstsein für diese Erkrankungen erhöht und Maßnahmen ergriffen werden sollen, die die Leben von Brustkrebspatienten weltweit verlängern und angenehmer gestalten.


Folgen Sie der Berichterstattung von EURACTIV zum Thema metastasierter Brustkrebs.

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